Das MehrWelt-ABC
In unserem ABC findest Du die wichtigsten Begriffe und Konzepte, die unseren Verein prägen. Die Kenntnis dieser Begriffe ist nicht notwendig, um mit uns mehr Welt zu erkunden. Das Glossar soll denjenigen, die sich tiefergehend für unsere Leitgedanken interessieren, dabei helfen, die Grundlagen unserer Philosophie und Praxis besser zu verstehen. Von Achtsamkeit bis Wissen und Handeln – jeder Begriff öffnet ein Fenster zu den Ideen, die MehrWelt inspirieren.
Dieses Glossar ist nicht vollständig und abschließend konzipiert. Fallen Dir noch Begriffe ein, die das ABC bereichern würden, oder die häufig auftauchen und unklar sind, dann kontaktiere uns doch einfach über den Button.
A
Achtsamkeit Präsenz statt Produktivität
Achtsamkeit ist heute allgegenwärtig: Von manchen wird sie zum Allheilmittel erhoben, von anderen als Rechtfertigung für Selbstbezogenheit und den Rückzug ins Private abgetan. Bei MehrWelt verstehen wir Achtsamkeit nicht als Werkzeug zur Selbstoptimierung, sondern als Kunst des Gewahrseins, der Wahrnehmung und Begegnung. Es geht darum, wirklich da zu sein – mit offenen Sinnen, offenem Geist und offenem Herzen.
Wenn wir lernen, uns selbst im Wechselspiel mit unserer Umwelt zu beobachten, ohne sofort zu reagieren, entsteht Raum für die Wahrnehmung des Hier und Jetzt: das Rascheln der Blätter, die Geste eines Gegenübers, die Verbundenheit mit allem Lebendigen. So wird Achtsamkeit zur Brücke zwischen uns und der Welt.
B
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D
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E
Erscheinungsräume Wo echte Begegnung geschieht
Erscheinungsräume entstehen, wenn wir uns einander wirklich zeigen – in unserer Verletzlichkeit und Stärke, unserer Eigenart und Verbundenheit. Es sind flüchtige Momente echter Präsenz, in denen die Masken fallen und zugleich echte Begegnung und Erkenntsnis möglich werden.
Diese Räume lassen sich nicht erzwingen, aber man kann in sie einladen. Durch aufmerksames Gewahrsein, offenen Austausch und gemeinsame Naturerfahrung schaffen wir Bedingungen, unter denen sie aufblühen können. Dabei wird spürbar: Wir existieren nicht isoliert, sondern werden erst mit und durch Andere ganz.
Das Konzept der Erscheinungsräume ist der Philosophin Hannah Arendt entlehnt. Sie verstand darunter den öffentlichen Raum des politischen Handelns, in dem wir uns durch Wort und Tat einander zeigen. Wir erweitern dieses Konzept über den gesellschaftlichen Bezug hinaus.
Die Erforschung der Einzeldinge - 格物 (gé wù) Dem Wesen der Dinge nachspüren
Gé wù ist ein Begriff, der für die Vertreter des sogenannten Neokonfuzianismus im China der Tang- und Song-Dynastie eine wichtige Rolle spielte. Sie verstanden die genaue Betrachtung der unzähligen Dinge um uns herum als wesentliche Voraussetzung für ein tieferes Verständnis der Welt. Dabei ist diese Betrachtung aber nicht im Sinne einer naturwissenschaftlich-distanzierten Erforschung zu verstehen, sondern es geht immer darum, die eigene Beziehung zu den Dingen zu reflektieren - und das durchaus auf eine ethische Weise.
Was könnte das in unserer hochindustrialisierten und -ökonomisierten Welt bedeuten? Den Menschen, Lebewesen und auch dem Unbelebten eine eigene Existenzberechtigung zuzugestehen. Anzuerkennen, dass sie nicht zu unserer Verfügbarkeit da sind, dass sie einen Anspruch auf Dasein haben, auf Freiheit, gerechte Behandlung, Leben - und zwar auf eine Weise, die ihnen selbst entspricht und nicht unserer Vorstellung von ihnen. Gleichzeitig wahrzunehmen, dass wir mit ihnen allen unauflösbar verbunden sind, das unser Handeln ihnen gegenüber immer auch auf uns zurückwirkt.
F
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G
Gemeinschaft Gemeinsam einzigartig
Gemeinschaft bedeutet bei MehrWelt nicht Verschmelzung oder Gleichmacherei. Es ist das Wagnis, sich in seiner Eigenart zu zeigen und andere in ihrer Andersartigkeit zu würdigen.
In unseren Erlebnissen und Begegnungen üben wir eine neue Art des Miteinanders: Wir teilen Stille und Gespräch, Naturerfahrung und persönliche Erkenntnis. Dabei geht es nicht um oberflächliche Harmonie – auch Reibung und Unterschiede haben ihren Platz. Diversität will auch manchmal ausgehalten werden, ohne unnötig Konflikt zu suchen. So entsteht ein Raum, in dem jede*r wachsen kann, getragen von der Gruppe und doch ganz sie oder er selbst.
H
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I
[Noch kein Eintrag] Impermanenz
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Konsumkritik Hunger, der nicht satt macht
Wir leben in einer Welt, die uns einredet, jedes Bedürfnis ließe sich käuflich stillen: Liebe auf Dating-Apps, Sinn in Ratgebern, Glück im nächsten Produkt. Doch der Hunger bleibt. Immer schneller, immer mehr – und doch immer leerer. Denn umgekehrt werden unsere Bedürfnisse häufig überhaupt erst von Werbung und Aufmerksamkeitsökonomie geweckt und von Neuem entfacht.
Konsumkritik bedeutet für uns nicht lustfeindliche Askese. Es geht darum zu erkennen: Abgesehen von den grundlegendsten körperlichen Bedürfnissen lassen sich unsere tiefsten menschlichen Sehnsüchte – nach Verbindung, Bedeutung, Lebendigkeit – nicht konsumieren. Sie entstehen in der Begegnung, im gemeinsamen Tun, im Innehalten, Wahrnehmen und Wahrgenommenwerden. Verzicht wird so nicht zur Einschränkung, sondern zur Befreiung für reichere Erfahrungen.
Kontakt Die Kunst der ganzheitlichen Berührung
Kontakt ist mehr als oberflächliche Begegnung. Es ist die Qualität unserer Zuwendung – wie wir der Welt begegnen und uns von ihr berühren lassen. In einer Kultur der Ablenkung und des Konsums haben viele von uns verlernt, wirklich in Kontakt zu treten.
MehrWelt lädt ein, diese Fähigkeit wiederzuerwecken: durch alle Sinne wahrnehmen, neugierig und unvoreingenommen sein, Stille aushalten, Unterschiede würdigen. So wird jeder Moment zur Gelegenheit für echte Begegnung.
Kontemplation Die Kunst des tiefen Schauens
Das Wort Kontemplation kommt vom lateinischen "contemplari" – ursprünglich das Betrachten von allen Seiten eines heiligen Ortes (templum). Es geht um einen besonderen Raum der Aufmerksamkeit, in dem sich Tieferes offenbaren kann.
Kontemplation ist mehr als Nachdenken – es ist ein Verweilen bei dem, was ist oder was wir uns als Fokus der Betrachtung wählen. Während unser Alltag von Analyse und Bewertung geprägt ist, lädt kontemplative Praxis zum absichtslosen Betrachten und Wahrnehmen ein. Bei MehrWelt üben wir verschiedene Formen: die stille Betrachtung einer Blume, das meditative Lauschen auf Vogelstimmen, das geduldige Wahrnehmen der eigenen Gedanken- und Gefühlslandschaft. In dieser Qualität der Zuwendung offenbart sich die Tiefe der Welt. Wir müssen nichts erreichen, nichts verändern – nur wirklich hinschauen.
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Mehr-als-menschliche Welt Die Welt über den menschlichen Tellerrand hinaus
Wir sind nicht allein auf diesem Planeten, sondern sind in unserem Handeln, Bewegen, Wahrnehmen, Denken und Fühlen in ein unendlich komplexes Netz von Beziehungen eingebettet - aus Tieren, Pflanzen, Pilzen, Mikroorganismen, Zellen und auch Gestein und . Der Philosoph und Anthropologe David Abram hat hierfür in Anlehnung an die Weltbilder sogenannter indigener Völker den Begriff der mehr-als-menschlichen Welt (more than human world) geprägt.
Die mehr-als-menschliche Welt besteht nicht aus stummen Ressourcen, sondern aus zahllosen Akteur*innen mit eigenen Bedürfnissen und Perspektiven über die Menschheit hinaus. Wenn wir lernen, sie wahrzunehmen und zu respektieren, erweitert sich unser Horizont radikal und wir können uns selbst als eingebettet in ein lebendiges Ganzes erfahren.
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Pluralität Die natürliche Vielfalt der Welt
Pluralität bedeutet nach Hannah Arendt: Wir Menschen sind alle gleich in unserer Einzigartigkeit. Bei MehrWelt erweitern wir dieses Verständnis, denn dieser Grundsatz trifft natürlich auch auf die mehr-als-menschliche Welt zu. Jeder Mensch, jedes Lebewesen trägt eine eigene Perspektive in sich – wie ein Prisma, das das Licht der Welt auf besondere und einzigartige Weise bricht.
In unserer globalisierten Welt begegnen sich unterschiedlichste Kulturen, Denkweisen, Weisheitstraditionen, Religionen und Lebensweisen. Diese Vielfalt ist, wenn es auch Reibung gibt, kein Problem, das es zu lösen gilt, sondern ein Reichtum, den es zu entdecken gilt. Ob buddhistische Achtsamkeit, Ubuntu-Philosophie, indigenes Naturwissen oder europäische Kontemplation – alle Wege können zur gemeinsamen Erkenntnis beitragen.
Statt in nationale Echokammern oder kulturelle Einheitsbrei zu flüchten, wollen wir diese Vielfalt als Bereicherung begreifen. Pluralität heißt nicht, dass alles gleich gültig ist, sondern dass wir einander über alle Grenzen hinweg in unserer Verschiedenheit respektieren. So soll MehrWelt zu einem Projekt werden, das gerade durch die Verbindung unterschiedlicher Horizonte seine Kraft entfaltet.
Polykrise Alles hängt zusammen
Klimawandel, soziale Spaltung, ökonomisches Ungleichgewicht, Sinnverlust, digitale Überforderung – wir leben in einer Zeit sich überlagernder Krisen. Diese Polykrise ist mehr als die Summe ihrer Teile: Die verschiedenen Krisen verstärken sich gegenseitig und lassen sich nicht isoliert lösen.
Der gemeinsame Nenner? Ein Verlust an lebendigem Kontakt. Wenn wir Natur, Mitmenschen und uns selbst nur noch als Ressourcen betrachten und behandeln, gerät alles aus dem Gleichgewicht. MehrWelt setzt genau hier an: Statt Symptome zu bekämpfen, kultivieren wir alte und neue Formen der Verbindung.
Praktiken Lebendige Übung
Praktiken sind das Herzstück von MehrWelt – nicht als starre Rituale, sondern als lebendige Übungswege. Sie übersetzen unsere Ideale in konkrete Erfahrung: Wahrnehmung mit allen Sinnen, Atembeobachtung, Naturmeditation, aufmerksames Gehen, Austausch, Dialog, Handwerk, Schreiben und alles was wir sonst noch so tun können. Praktiken sind immer in Bewegung, nie starr und unflexibel.
Das Besondere: Unsere Praktiken beschränken sich nicht auf formelle Übungen. Sie durchdringen unser alltägliches Tun mit Achtsamkeit und Aufmerksamkeit – wie wir miteinander sprechen, wie wir konsumieren, wie wir arbeiten. Jede soziale Begegnung, jede kulturelle Aktivität kann zur Praxis werden: ein achtsames Gespräch, ein gemeinsames Mahl, die Art, wie wir Konflikte austragen. Regelmäßig geübt, verwandeln diese Praktiken nicht nur uns selbst, sondern gestalten auch die Welt um uns herum mit.
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Selbstkultivierung / 修身 (xiū shēn) An sich arbeiten, für alle
Der chinesische Begriff xiū shēn 修身 bedeutet wörtlich "den Körper-Geist verfeinern" – es geht um Selbstbeobachtung und die geduldige Arbeit an unseren Gewohnheiten, Reaktionsmustern und blinden Flecken. Im Gegensatz zum Trend der Selbstoptimierung ist Selbstkultivierung also keine narzisstische und egozentrische Arbeit an sich selbst; vielmehr zielt sie darauf ab, ein besserer Mensch zu sein - für sich selbst, für andere, für die Welt.
Selbstkultivierung ist ein lebenslanger Prozess: Durch achtsame Aufmerksamkeit, ehrliche Selbstbetrachtung und den Spiegel der Gemeinschaft erkennen wir, wo wir noch verstrickt sind – in Konsummustern, Vorurteilen oder automatischen Reaktionen. Die Arbeit an uns selbst ist kein Rückzug aus der Welt, sondern die Voraussetzung für soziales und ökologisches Handeln in ihr.
Sinnesschulung Mit allen Sinnen in der Welt
Es sind in erster Linie unsere Sinne, die unsere Position in der Welt und zur Welt bestimmen. In der alltäglichen Reizüberflutung unserer Zeit haben unsere Sinne jedoch verlernt, fein wahrzunehmen. Sie sind häufiger auf digitale elektronische Geräte als auf unsere unmittelbare Umgebung, auf ferne Orte und Zeiten gerichtet als auf das Hier und Jetzt.
Sinnesschulung bei MehrWelt ist wie das Stimmen eines Instruments: Wir verfeinern unsere Wahrnehmung, bis die Welt wieder in ihrer ganzen Fülle erklingt. Durch angeleitete Übungen in der Natur lernen wir, unsere Umgebung wieder mit allen Sinnen bewusst zu begreifen. Was anfangs langweilig erscheint, wird schnell faszinierend: die unterschiedlichen Farben und Formen von Blättern, das Rascheln eines Vogels oder Eichhörnchens im Baum über uns, die charakteristischen Gerüche und Stimmungen der Jahreszeiten...
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Verbundenheit Das unsichtbare Netz
Verbundenheit ist keine romantische Idee, sondern erfahrbare Wirklichkeit. Mit jedem Atemzug tauschen wir uns mit der Welt aus. Unser Körper beinhaltet eine Vielzahl unterschiedlicher Zellen und Bakterien und unser Leben hängt von unzähligen anderen Wesen wie z.B. dem Mikrobiom ab - so sehr, dass es von deren eigenem Leben gar nicht trennscharf zu unterscheiden ist.
Diese Verbundenheit wiederzuentdecken und sie neu wertzuschätzen heißt nicht, Grenzen zu verwischen. Im Gegenteil: Erst wenn wir unsere tiefe Abhängigkeit anerkennen, können wir verantwortlich handeln. Aus dem Wissen um Verbundenheit erwächst natürliche Fürsorge – für uns selbst, füreinander und für die Erde.
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Wahrnehmung Das Tor zur Welt
Wahrnehmung ist nie neutral – sie ist gefärbt von unseren Erwartungen, Ängsten und Gewohnheiten. Zudem noch einzigartig, denn keine Augen, keine Zungen, keine Ohren, keine Nasen, keine Häute sind exakt gleich. Meist nehmen wir nicht die Welt wahr, sondern unsere Vorstellungen von ihr. Zudem hat unsere Kultur eine Schieflage: Wir sind überwiegend visuell orientiert, die anderen Sinne verkümmern.
MehrWelt lädt ein, die Wahrnehmung zu vertiefen, sie aufzuräumen und alle Sinne wiederzuerwecken. Die Welt bietet so viel mehr als glatte Touchscreens: die raue Rinde einer Eiche, das samtige Moos, der kühle Morgentau, die Wärme eines Händedrucks. Durch Sinnesübungen vertiefen wir jede einzelne Wahrnehmungsart – wir lernen nicht nur zu sehen, sondern zu schauen; nicht nur zu hören, sondern zu lauschen; nicht nur zu berühren, sondern zu erspüren. So wird geschärfte und erweiterte Wahrnehmung zur Grundlage für echte Begegnung mit der vielgestaltigen Welt.
Wissen und Handeln als Einheit / 知行合一 (zhī xíng hé yī) Walk the talk (and thought)
Wir alle kennen sie: die schmerzhafte Kluft zwischen dem, was wir wissen, und dem, wie wir handeln. Wir wissen um die Klimakrise – und fahren doch so gern Auto. Wir kennen den Wert der Stille – und scrollen doch endlos weiter.
Das Prinzip zhī xíng hé yī 知行合一 lehrt: Echtes Wissen zeigt sich erst im Tun. Es reicht nicht, Verbundenheit intellektuell zu verstehen – wir müssen sie leben. Bei MehrWelt üben wir, diese Einheit wiederherzustellen: durch verkörperte Praktiken, gemeinsames Handeln und die stetige Reflexion unserer Taten. So werden Wissen und Handeln kohären und Erkenntnis zur gelebten Weisheit.
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